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Zitat (Text eines Morse-Profis):
Erinnern Sie sich noch an Ihre Schulzeit?
Sprechen haben Sie schnell gelernt. Aber das Lesen war
anfangs schwierig. Man las "Mä"-"use", anstatt "Mäuse".
Irgendwann prägten Sie sich das Wortbild ein. Und heute
erfassen Sie das Wort als ein Ganzes und erkennen dessen
Sinn quasi auf den ersten Blick.
Telegrafie muß beim Lernen also direkt im Sprachzentrum
untergebracht werden, will man sie sicher und schnell
erlernen. Dazu ist es sogar von Vorteil, die Bedeutung
von Punkt und Strich gar nicht zu kennen. Morsen lernt
man phonetisch. Und deshalb wird es auch im
Sprachzentrum untergebracht.
Beim Erlernen lernt man also nicht
Strich-Punkt-Strich-Punkt und dessen Bedeutung
"Buchstabe C", sondern man lernt die Melodie "daaa-dit-daaa-dit"
und weiß OHNE Nachzudenken sofort, dass es sich um den
Buchstaben C handelt. Man spart sich also im Kopf den
Arbeitsschritt des Dekodierens. Dadurch lernt man
schneller, einfacher und kommt zügiger auf hohes
Lesetempo. Und dann macht Morsen-Lernen auch richtig
Spaß - weil man eben recht fix vorankommt.
Fundstelle
Erwiderung:
"Sprechen
haben Sie schnell gelernt."
Hier liegt der Autor vermutlich falsch:
Kinder verstehen schon mindestens ab dem Krabbelalter recht viel, zum
Beispiel
"Hol doch mal den Ball." – Allerdings erst im Alter von 1,5 bis 2 Jahren
fangen sie zu sprechen an ... und zwar zunächst noch in einer Art, die nur die Eltern verstehen!
Bis ein Kind schon gut hör-verstehen und
gut
sprechen
kann, dauert es noch ein bisschen länger.
"Sprechen
haben Sie schnell gelernt.
Aber das Lesen war
anfangs schwierig."
Die Gegenüberstellung
'Sprechen : Lesen' ist nicht logisch.
Richtig wären die Gegenüberstellungen
'passives (Hör-)Verstehen : aktives Sprechen' bzw. 'passives
Lesen : aktives Schreiben'.
Darüber hinaus werden im Zitat das aktive Sprechen
und das passive Lesen unpassend aneinandergereiht.
Das Erlernen der 'Mutter-Schreib-Sprache' (Lesen und Schreiben)
erfolgt deutlich später als das Erlernen der 'Mutter-Sprech-Sprache'
(Hör-Verstehen und Sprechen); denn das Lesen und Schreiben erfordert
eine größere geistige (und psychomotorische) Reife. Ein dreijähriges Kind kann
deshalb im Normalfall noch gar nicht
schreiben lernen! (Ein gerade erst lesekundiges
Kind ist aber auch noch nicht ausgereift genug, um zum Beispiel
abstrakte mathematische Aufgaben / Algebra lösen zu lernen.)
Der Unterschied zum Kind: Der
erwachsene Lerner verfügt über größere
geistige Fähigkeiten,
die er zum Morse-Lernen mit
einsetzen könnte! (Meine generelle Aussage in diesem Zusammenhang:
"Kinder lernen sehr gut; Erwachsene können noch viel besser lernen! (von
Ausnahmen abgesehen)"
"Man las "Mä"-"use", anstatt
"Mäuse". Irgendwann prägten Sie sich das Wortbild ein. Und heute
erfassen Sie das Wort als ein Ganzes und erkennen dessen Sinn quasi auf
den ersten Blick."
Das wird sicher auch für die Telegrafie
gelten: Erst 'gibt' ('schreibt') und 'hört' ('liest') man die
einzelnen Morsezeichen, bevor man ganze Wortbilder erkennen kann.
Aber dies ist lediglich das Ergebnis zahlreicher
Wiederholungen dieser Wortbilder. - Versuchen Sie doch mal
"Desoxyribonukleinsäure" auf Anhieb flüssig zu lesen ...
"Telegrafie muß beim Lernen
also direkt im Sprachzentrum untergebracht werden."
Vielleicht hat der Autor recht, aber das ist doch so
nicht schlussfolgerbar ("also") aus seiner unmittelbar
vorangehenden Aussage: "Und heute erfassen Sie das Wort als ein Ganzes
und erkennen dessen Sinn quasi auf den ersten Blick." -
'Sprachzentrum' und 'auf den ersten Blick' können in dieser Weise nicht
miteinander verknüpft werden!
Beim kindlichen Sprechen-Lernen (zunächst nur
hör-verstehen - erst später sprechen) gibt es kein
Lernen "auf den ersten Blick": Das Hör-verstehen und das
Nach-Sprechen geschehen beim Kind sofort in größeren Laut-Blöcken.
Das kindliche Schreiben und Lesen ("Blick") ist ein Lernprozess, der
erst mehrere Jahre später abläuft. Insofern vermischt der Autor zwei
zeitlich weit getrennte und ganz unterschiedliche Prozesse beim kindlichen Lernen.
Ergänzende Überlegung:
Interessant scheint mir die Überlegung, ob man das
Morse-Lernen eher mit dem Erlernen der Mutter-Sprech-Sprache (erlernt
werden nur Klänge / Laute) vergleichen kann oder eher mit dem Erlernen
einer Fremdsprache (Laute / Klänge plus Schreibweisen).
Das Kind erlernt die 'Mutter-Sprech-Sprache'
in ganzen Klangblöcken (Wörtern und Sätzen, zum Beispiel "Mama", aber
auch "Komm mal her!". - Keinesfalls lehrt die Bezugsperson die
Formulierungen in der Art "kommen, kam, gekommen".
Beim Erlernen der
Fremdsprache lernt man (meist) in Wort-Blöcken, zum Beispiel Hund
– dog, Frau – femme. - Sofern Hören und (Nach-)Sprechen
kombiniert mit Lesen und Schreiben geschehen, ist der
Lernprozess besonders wirkungsvoll. - Erst zu einem späteren Zeitpunkt
lernt man die Fremdsprache nicht mehr unter Zuhilfenahme der anderen
Sprache (Muttersprache), sondern innerhalb der betreffenden
Fremdsprache.
Sollte das Morse-Lernen aber vielleicht eher mit dem
Erlernen von Arabisch oder
Chinesisch verglichen werden? Wenn es bei Arabisch oder
Chinesisch Sinn macht, zunächst die einzelnen Schriftzeichen zu
erlernen (langsames / mühsames Lesen und Schreiben), dann könnte dieses
Prinzip auch für das Erlernen der Morse-Schrift-Zeichen gelten.
Übrigens: Man kann das Erlernen der chinesischen Schriftzeichen
mit mnemotechnischen Hilfen drastisch beschleunigen.
Fazit:
Nach wir vor bin ich der Meinung, dass der von Gerd
Lienemann und mir entwickelte mnemotechnische Ansatz zum beschleunigten Morse-Lernen
erfolgreich sein wird, und zwar in der allerersten Phase: beschleunigtes
Erlernen der einzelnen 'Schriftzeichen-Bilder' / Buchstaben (auf einen 'Blick') und der Klänge
der einzelnen Morsezeichen.
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